Friedensinitiative Nottuln reiste nach Riga
Reise nach Riga 15. bis 23. Mai 2026
Nottuln. „Erde, decke mein Blut nicht zu. Mein Schreien finde keine Ruhestätte.“ Auf einem Granitquader im Zentrum der Gedenkstätte Bikernieki in der Nähe der lettischen Hauptstadt Riga sind diese Worte aus dem biblischen Buch Hiob zu lesen. Der große Bitte: Vergesst uns nicht und was uns angetan wurde. Der Wald von Bikernieki in Riga ist heute ein ruhiger Waldpark, zugleich aber einer der wichtigsten Holocaust- und NS-Gedenkorte Lettlands. Zwischen 1941 und 1944 wurden im Wald von Bikernieki zehntausende Menschen ermordet – jüdische Menschen aus Lettland, Deportierte aus Deutschland – besonders auch uns dem Münsterland, aus Österreich und Tschechien, sowjetische Kriegsgefangene und politische Gefangene.
Die Opfer wurden meist in zuvor ausgehobenen Massengräbern erschossen. Bikernieki war neben Rumbula einer der zentralen Orte des Holocaust in Riga. Das hier eine beeindruckende Gedenkstätte vor ca. 20 Jahren entstanden ist, das ist dem Riga-Komitee zu verdanken, das eine Anregung des Münsteraner Winfried Nachtwei aufnahm. Im Riga-Komitee haben sich über 60 Kommunen – viele aus dem Münsterland – zusammengeschlossen. Ihr Ziel: Das Gedenken an diese Kriegsverbrechen muss würdig und langfristig erhalten bleiben. Auch die Gemeinde Nottuln, die Gemeinde Havixbeck und die Stadt Münster sind Mitglieder des Riga Komitees. Der Nottulner Gemeinderat beschloss vor fünf Jahren auf Anregung der Friedensinitiative Nottuln (FI) den Beitritt zum Riga-Komitee. Elf Mitglieder der Friedensinitiative Nottuln waren nun sechs Tage in Riga. In der Gedenkstätte Bikernieki fanden sie auch die Steintafeln aus Nottuln und Münster. Die Havixbecker Platte wird demnächst aufgelegt.

Im Mittelpunkt der FI-Fahrt standen Besuche zahlreicher Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer des Holocaust und der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. Neben Bikernieki besuchten sie unter anderem die Gedenkorte Rumbula, das Ghetto für die Juden Rigas, die zerstörte Synagoge Choral und das Žanis-Lipke-Memorial. Janis Lipke, ein einfacher Mann aus Riga, hatte im Zweiten Weltkrieg 50 Juden gerettet.
Durch einen glücklichen Zufall trafen die Nottulner in Riga Jonas Büchel. Seit 25 Jahren lebt und arbeitet Büchel, ursprünglich aus Kamen kommend, als Stadtplaner in Riga. Schnell wurde den Deutschen klar: Jonas Büchel kennt diese Stadt nicht nur. Er trägt sie in sich. Und so lernten die FI-Mitglieder die Stadt aus einer internen Sicht kennen, lernten viel über die Architektur, besuchten die besten Lokale für Einheimische, sahen so manche Details, die auch die Mentalität der Menschen in Riga offenbarten. Beispiel: Als Russland 2022 die Ukraine angriff, entschied der Stadtrat die Straße, in der die russische Botschaft steht, umzubenennen. Sie heißt nun die „Straße der Unabhängigkeit der Ukraine“. Und weil das Gebäude selbst russisches Hoheitsgebiet ist, montierte die Mitarbeiter der Verwaltung das Straßenschild nicht – wie üblich – direkt an die Hauswand, sondern an einen Metallpfeiler 20 cm von der Hauswand entfernt. Überhaupt war das Thema Russland und russische Bedrohung überall in Riga präsent. Natürlich auch bei einem Treffen im Rathaus von Riga. Ratsmitglied Edgars Ikstens. Das Ratsmitglied ließ keinen Zweifel an seine Meinung gelten: Es sei nicht die Frage, ob es Krieg gibt, sondern nur wann. Und wenn, dann wäre er bereit, seine Waffe zu nehmen und zu kämpfen. Diese Meinung hörten die Reisenden immer wieder. So auch beim Goethe-Institut, wo sie einen Termin hatten, um sich über die Sprachen in Lettland und über den Sprachenstreit informieren zu lassen. Sogar der deutsche Reiseleiter Jonas Büchel hätte sich schon – so verriet er – bei einer militärischen Einheit gemeldet, um ausgebildet zu werden. Büchel: „Leider haben sie mich nicht genommen. Ich bin zu alt!“
Positiv reagierte jedoch das Rathaus auf die Grußbotschaft von Bürgermeister Dr. Dietmar Thönnes und Oberbürgermeister Tilmann Fuchs. Die beiden Bürgermeister aus Nottuln und Münster betonten das gemeinsame Engagement als „Mayor for Peace“. Auch Riga ist dem internationalen Städtebündnis mit Hiroshima und Nagasaki beigetreten – mit dem Ziel, alle Atomwaffen abzuschaffen. Dass dieses Ziel richtig sei, daran ließ auch Stadtrat Ikstens keinen Zweifel. Stoff genug also, wieder in Nottuln angekommen, zu reden und neu zu überlegen. Jetzt schon ist klar, dass der Austausch mit Riga weitergehen wird. Auch mit Gegeneinladungen. Und im Juli werden die Bürgermeister aus Nottuln und Münster im Rahmen einer offiziellen Reise des Riga-Komitees nach Lettland fahren.
Die FI hat von ihrer Reise eine ausführliche Dokumentation mit vielen Hintergrund-Informationen und Fotos erstellt. Auf Wunsch wird diese gerne zugeschickt (info@fi-nottuln.de). In wenigen Tagen wird sie auch auf der Interseite eingestellt sein: www.fi-nottuln.de)
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Beeindruckender Höhepunkt der FI-Reise war der Besuch der Gedenkstätte Bikernieki in Riga. Hier wird der vielen Juden gedacht, die in diesem Wald erschossen wurden.
Die Steintafel weist darauf hin, dass auch Nottuln dem Riga-Komitee beigetreten ist und sich für die Pflege der Gedenkstätte Bikernieki einsetzt.
Ankündigung der Reise
Nottuln. Zwölf Mitglieder der Friedensinitiative Nottuln brechen am kommenden Freitag zu einer zehntägigen Reise nach Riga in Lettland auf. Im Mittelpunkt der Fahrt stehen Besuche zahlreicher Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer des Holocaust und der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. Geplant sind unter anderem Besuche der Gedenkorte Rumbula, Bikernieki und des ehemaligen Konzentrationslagers Kaiserwald. Auch Gespräche mit Vertretern jüdischer Einrichtungen sowie Besuche von Museen und Erinnerungsorten gehören zum Programm.
Hintergrund der Reise ist die Mitgliedschaft Nottulns im sogenannten Riga-Komitee. Auf Anregung der Friedensinitiative war die Gemeinde vor fünf Jahren dem Zusammenschluss beigetreten. In diesem Netzwerk arbeiten inzwischen rund 60 deutsche Städte und Gemeinden zusammen, aus denen während der NS-Zeit jüdische Bürgerinnen und Bürger über Münster nach Riga deportiert wurden. Viele von ihnen wurden dort ermordet.
Das Riga-Komitee engagiert sich für die Erinnerung an die Deportierten sowie für die historische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen im Baltikum. Besonders die Wälder von Rumbula und Bikernieki gelten als zentrale Orte der Massenerschießungen lettischer und deutscher Juden. Tausende Menschen aus dem Deutschen Reich wurden dort ermordet.
Die Friedensinitiative sieht die Reise deshalb nicht nur als historische Bildungsfahrt, sondern auch als Beitrag zur Erinnerungskultur vor Ort. Neben dem Besuch der Gedenkstätten stehen Gespräche über die aktuelle politische Situation in Lettland auf dem Programm. Geplant sind unter anderem Treffen im Goethe-Institut sowie Kontakte zur deutschen Botschaft in Riga.
Begleitet wird die Gruppe zeitweise von Jonas Büchel, einem aus Kamen stammenden Stadtplaner, der seit vielen Jahren in Riga lebt. Er wird den Teilnehmern die Stadt sowie historische Orte näherbringen.
Im Sommer wird zudem Bürgermeister Dr. Dietmar Thönnes offiziell nach Riga reisen. Damit setzt die Gemeinde ihre Zusammenarbeit im Riga-Komitee weiter fort.
Fotovortrag zu einer berührenden Reise mit Georg Schulze Bisping

Nottuln. Zwei Fahrten unternahm Georg Schulze Bisping im letzten Jahr nach Riga. Dort besuchte er – auch für die Gemeinde Nottuln – die Gedenkstätten für die ermordeten Juden. Mit berührenden Eindrücken und Fotos kam er zurück. Am Montag, den 27.1.2025 wird Georg Schulze Bisping um 19.30 Uhr in der Alten Amtmannei über diese Reise berichten. Zuvor wird Winfried Nachtwei noch einmal die Geschichte der Ermordung der Juden Europas in Riga – auch mit vielen Fotos – skizzieren. Zu diesem Abend sind alle Bürgerinnen und Bürger eingeladen.
Schon 2019 trat die Gemeinde Nottuln dem Riga-Komitee bei, „getragen“, so hieß es damals in dem Beitrittsbeschluss, „von dem Willen, die Erinnerung an die ermordeten Bürgerinnen und Bürger dauerhaft zu bewahren und ihrer zu gedenken, in der Überzeugung, dass die Gräber- und Gedenkstätte Riga einen bedeutenden, die Heimatstädte umschließenden, zeitgeschichtlichen Beitrag leistet, mit dem Ziel, den auf einer langen gemeinsamen Geschichte beruhenden Beziehungen unserer beiden Länder, ihrer weiteren Entwicklung und dem Frieden in Europa zu dienen.“
Am 13. Dezember 1941 verließ ein Deportationszug mit 390 jüdischen Frauen, Männern und Kindern aus dem Münsterland den Güterbahnhof in Münster. Mit dabei auch der Nottulner Walter Heimbach. Nachdem in Osnabrück 200 und in Bielefeld 420 weitere Menschen in den Zug gezwungen worden waren, fuhr er Richtung Riga. Dort, im „Reichsjudenghetto“, im KZ Salaspils und Wald von Bikernieki begann der Massenmord an den jüdischen Menschen aus dem Münsterland, aus Westfalen und anderen Teilen Deutschlands. In Riga starben die weitaus meisten der über 170 Holocaustopfer des Kreises Coesfeld.
In den Tagen zuvor waren Züge mit jeweils 1000 Menschen aus Berlin, Nürnberg, Stuttgart, Hamburg, Köln, Kassel und Düsseldorf nach Riga gefahren, am 15. Dezember folgte ein Zug aus Hannover, am 27. Januar 1942 einer aus Dortmund.
Ihr Schicksal war über fast fünf Jahrzehnte weitgehend unbekannt. Die vielen Massenmörder und Helfershelfer kamen überwiegend ungeschoren davon.
1989 stieß der damalige Dülmener Geschichtslehrer Winfried Nachtwei im noch sowjetisch besetzten Riga auf die Spuren der Deportierten und lernte Überlebende von Ghetto und KZ kennen.
In seinem illustrierten Vortrag folgt Nachtwei den Spuren der Verschleppten im deutsch-besetzen Riga und dem Schicksal der wenigen Überlebenden nach Kriegsende. Als Bundestagsabgeordneter setzte sich der Referent für eine würdige „Entschädigung“ der Holocaust-Überlebenden in Osteuropa ein, die 1998 endlich durchgesetzt werden konnte.
Am Beispiel des Massengräberfeldes und der Gedenkstätte im Wald von Bikernieki schildert Nachtwei, wie nach Jahrzehnten die Erinnerung aufbrach. Eine zentrale Rolle hatte dabei der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und das Deutsche Riga-Komitee, in dem sich inzwischen 57 Herkunftsorte der Riga-Deportationen zu einem einzigartigen Netz der Erinnerung zusammengefunden haben. In Workcamps des Volksbundes kommen alljährlich junge Leute aus Deutschland, Österreich, Lettland und anderen Ländern zusammen, um die Gedenkstätte zu pflegen und Erinnerung lebendig zu halten.
Der Vortrag verdeutlicht aber auch, wie schwierig es im Baltikum ist, vor dem Hintergrund von 50 Jahren wechselnden Okkupationen zu einer gemeinsamen Erinnerungskultur zu kommen.
Mit freundlichen Grüßen
Robert Hülsbusch
Foto: Im Juni 2023 fuhr eine Nottulner Delegation nach Riga (links: Georg Schulze Bisping), um dort an dem Gedenkstein „Nottuln“ Blumen niederzulegen. Georg Schulze Bisping wird von dieser beeindruckenden Reise berichten.

