Mit der Verleihung des Alternativen Westfälischen Friedenspreises alle zwei Jahre werden Friedensarbeit und Friedenspolitik gewürdigt und gefördert.
Mit dem Preis sollen Menschen, Institutionen oder Gruppen geehrt werden, die dazu beitragen, die Verständigung der Völker und der Menschen untereinander zu fördern, eine Konfliktlösung durch Dialog und Diplomatie zu suchen und Feindbilder abzubauen. Es werden Menschen geehrt, unabhängig von ideologischen, religiösen oder parteipolitischen Kriterien und unabhängig von ihrer sozialen oder nationalen Zugehörigkeit. Preistragende können Menschen oder Initiativen werden, die durch ihren Einsatz für Gerechtigkeit und Menschlichkeit Frieden – auch zwischen Feinden stiften. So können mutige Projekte und Ideen, die Brücken bauen und eine friedliche und kooperative Welt anstreben, einen Preis von 10.000 Euro erhalten. Die Preisverleihung findet im Rathaus in Münster statt.
Zusammenfassung des Vortrags „Sicherheit und Frieden neu denken – Lehren aus dem Westfälischen Frieden für eine friedliche Zukunft Europas“ von Ralf Becker (Münster, 29.05.2026).
Kernaussage
Der Vortrag verbindet die historischen Erfahrungen des Westfälischen Friedens von 1648 mit aktuellen sicherheitspolitischen Herausforderungen. Die zentrale These lautet:
Dauerhafter Frieden entsteht nicht durch militärische Überlegenheit, sondern durch Verhandlungen, Machtbalance, gegenseitige Sicherheitsgarantien und inklusive politische Strukturen.
1. Lehren aus dem Westfälischen Frieden
Der Westfälische Frieden wird als historisches Vorbild für erfolgreiche Friedenspolitik dargestellt:
- Friedensverhandlungen fanden trotz laufender Kampfhandlungen statt.
- Militärische Versuche, den Krieg zu gewinnen, scheiterten letztlich.
- Frieden wurde durch Geduld, Verhandlungen und Kompromisse erreicht.
- Alle Konfliktparteien wurden einbezogen.
- Es gab Amnestie und Mechanismen zur Versöhnung.
- Eine neue Machtbalance zwischen Kaiser, Fürsten und Konfessionen wurde geschaffen.
Daraus leitet der Vortrag mehrere Grundsätze ab:
- Verhandlungen sind auch während eines Krieges möglich.
- Frieden kann nicht militärisch erzwungen werden.
- Nachhaltiger Frieden braucht faire Machtbalancen.
- Friedensprozesse benötigen Ausdauer und politischen Willen.
2. Kritik an der heutigen Sicherheitsordnung
Der Vortrag kritisiert die seit dem Kalten Krieg vorherrschende „militärische Sicherheitslogik“:
- Aufrüstung und Abschreckung hätten keine dauerhafte Sicherheit geschaffen.
- Die NATO-Osterweiterung und die Nichtumsetzung einer gemeinsamen europäischen Sicherheitsordnung nach 1990 werden als politische Fehler bewertet.
- Die Kündigung wichtiger Abrüstungsverträge durch die USA wird als Rückschritt dargestellt.
- Die gegenwärtige Weltordnung wird als von Dominanzstreben großer Mächte geprägt beschrieben.
3. Das Projekt „Sicherheit neu denken“
Vorgestellt wird die Initiative „Sicherheit neu denken“, die seit 2015 Szenarien für eine schrittweise Ablösung militärischer Sicherheitssysteme entwickelt.
Ziele:
- langfristige Reduzierung militärischer Strukturen,
- Ausbau ziviler Konfliktbearbeitung,
- internationale Polizeistrukturen,
- soziale Verteidigung,
- globale Abrüstung.
Das Projekt wird inzwischen auch in anderen Ländern (u. a. Österreich, Niederlande) und Regionen aufgegriffen.
4. Vorschläge für eine neue europäische Sicherheitsarchitektur
Der Vortrag präsentiert ein Europa-Szenario für die Jahre 2025–2040.
Wichtige Elemente:
Europäische Friedensordnung mit Russland
- Anerkennung gegenseitiger Sicherheitsinteressen.
- Überwindung der Konfrontation zwischen NATO und Russland.
- Aufbau einer gemeinsamen europäischen Sicherheitsordnung.
Neutral gesicherte Staaten zwischen NATO und Russland
Für Länder wie die Ukraine wird vorgeschlagen:
- Neutralitätsstatus,
- Sicherheitsgarantien der UNO,
- gegebenenfalls internationale UN-Friedenstruppen aus neutralen oder nicht unmittelbar beteiligten Staaten.
Transatlantische Beziehungen
- Kooperation mit den USA,
- gleichzeitig stärkere europäische Eigenständigkeit („auf Augenhöhe“).
Globale Perspektive
- stärkere Zusammenarbeit mit Afrika,
- konstruktive Kooperation mit China,
- Partnerschaft mit den BRICS-Staaten,
- Reform der internationalen Institutionen einschließlich der UNO.
5. Ukrainekrieg
Der Vortrag vertritt die Position, dass:
- Russland eine reale Bedrohung darstellt,
- militärische Lösungen den Konflikt nicht beenden werden,
- ein Verhandlungsfrieden notwendig ist,
- die Sicherheitsinteressen sowohl der Ukraine als auch Russlands berücksichtigt werden müssen.
Diskutiert werden verschiedene Modelle für Waffenstillstand, Neutralitätsregelungen und internationale Sicherheitsgarantien.
6. Fünf Säulen einer zivilen europäischen Geopolitik
Der Vortrag schlägt als langfristige Orientierung vor:
- Umfassende ökologische Sicherheit
- Gerechte Nutzung globaler Ressourcen
- Gemeinsame Sicherheit durch inklusive Strukturen
- Freiheit, Demokratie und Menschenrechte
- Gegenseitig kontrollierte weltweite Abrüstung
7. Vision bis 2040
Das vorgestellte Zukunftsszenario sieht vor:
- Friedensschluss in der Ukraine,
- neue europäische Sicherheitsordnung,
- weltweite Abrüstungsverhandlungen,
- Reform der UNO,
- schrittweise globale Abrüstung,
- stärkere Orientierung an menschlicher Sicherheit statt militärischer Macht.
Fazit
Der Vortrag nutzt den Westfälischen Frieden als historisches Modell für heutige Konflikte. Seine zentrale Botschaft lautet, dass Frieden nicht durch militärische Dominanz, sondern durch Verhandlungen, Machtbalance, gegenseitige Sicherheitsgarantien, internationale Kooperation und langfristige Abrüstung erreicht werden kann. Die Initiative „Sicherheit neu denken“ entwickelt daraus konkrete Vorschläge für Europa, den Ukrainekrieg und die globale Sicherheitsordnung.

